100-Jahr-Feier: Rede des dienstältesten Ehemaligen

Anläßlich des Festaktes zur 100-Jahr-Feier berichtete der „dienstälteste“ Ehemalige der Schule Forsmannstrasse Hans-Günther Fiedler über seine Schulzeit von 1935 bis 1943.
fiedler_redeIm Herbst des Jahres 1935 wurde ich in der Forsmannstrasse eingeschult. Volksschule – so hieß das damals. Unsere erste Lehrerin war Fräulein Holst. Ich habe gute Erinnerungen an sie. Sie ging sehr verständnisvoll und bemüht mit uns um.

An mein erstes Zeugnis kann ich mich noch gut erinnern. Es gab in der ersten Klasse keine Noten, sondern eine allgemeine schriftliche Beurteilung. Ich weiß nur noch, dass in meinem Heft stand: Hans-Günther ist lebhaft und interessiert, aber er ermüdet schnell. Das hat sich bis heute nicht geändert und gilt immer noch.

Ein wesentlicher Unterschied zu den heutigen Schulklassen ist darin zusehen, dass damals keine Jungen und Mädchen zusammen in einer Klasse waren. Die Mädchen waren alle in dem Gebäudeteil Ecke Semperstrasse untergebracht. Kontakt gab es lediglich auf dem Schulhof.

Übrigens sah der Schulhof damals ganz anders aus. Er ist heute gepflastert und war damals mit schwarzem Grand bedeckt. Wir haben dort Völkerball gespielt und sahen danach aus wie Schweine.

Am letzten Schultag vor den Ferien mußten wir alle auf dem Schulhof antreten und dann wurde das Deutschlandlied gesungen.

Die Ausstattung der Klassenräume war damals auch ganz anders. Immer zwei Schüler saßen auf einer Bank und diese war mit der Tischplatte fest verbunden. Unter dem Tisch war ein Brett angebracht zum Abstellen der Füße. Auf dem Flur waren vor jedem Klassenraum Garderobenhaken angebracht. Die gab es damals schon und wenn es heute noch dieselben sind, so sind sie wohl über 70 Jahre alt. Es war zu unserer Zeit verboten, dort über Nacht etwas hängen zu lassen.

Um die Schule herum sah es ganz anders aus. Die Straßen alle mit Kopfsteinpflaster und keine geparkten Autos. Es gab zwar schon Autos, aber nur wenige und Pferdefuhrwerke waren in der Überzahl. Sicher sind euch heute schon auf dem Schulweg die vielen geparkten Autos aufgefallen.

Die Lehrer trugen ausnahmslos Anzüge mit Krawatte und die Lehrerinnen Kleider oder Röcke. Kein Mensch bei uns kannte schon Jeans. Die trugen damals nur die Cowboys in Amerika.

Die Schule begann morgens pünktlich um 8.00 Uhr. Wenn man die Treppen am Aufgang hinaufgeht, ist auch heute noch auf der linken Seite eine Tür. In diesem Raum saß immer wechselseitig ein Lehrer. Er verschloss um 5 Minuten vor 8.00 Uhr die Tür und wer zu spät kam, musste bis 10 nach 8.00 Uhr warten. Dann kam man natürlich richtig zu spät und platzte bei seiner Klasse in den Unterricht.

Gute Schüler saßen auf den hinteren Bänken und weniger Gute saßen vorn, damit sie besser unter Kontrolle waren.

Oft fuhren wir ins Schullandheim unserer Schule. Leider weiß ich nicht mehr, wo es war. Irgendwo in der Heide. Ich kann mich nur noch erinnern, dass ein Schüler von einer Kreutzotter gebissen wurde. Große Aufregung!! Aber er hat es überlebt.

Sportunterricht hatten wir immer in der letzten Stunde. Meistens behielt ich meine Turnschuhe an und packte meine Stiefel in den Turnbeutel. Dann machte ich mich auf den Heimweg.

Als ich etwa 10 Jahre alt war, passierte eine unangenehme Geschichte. Worum es eigentlich ging, weiß ich heute nicht mehr, aber ich hatte mit einem Mitschüler großen Streit. Ich verfolgte ihn und er rannte die Semperstrasse herunter in Richtung Mühlenkamp, wo er auch wohnte. Als er die Haustür erreichte, wurde mir schlagartig klar, dass ich ihn nicht mehr erwischen würde. Ich packte einen meiner Stiefel und schleuderte ihn in meiner Wut nach ihm. In dem Moment schloss er die Haustür und mein Stiefel krachte in die große Scheibe.

Meine Wut war verflogen und ich hatte nur noch Schiß. Es dauerte auch nicht lange und der Hausmeister vom Mühlenkamp erschien mit meinem Stiefel bei meinen Eltern. Das Geld war damals sehr knapp und eine neue Scheibe war im Haushaltsgeld nicht eingeplant. Es gab auch entsprechenden Ärger und darum habe ich die Sache bis heute nicht vergessen, obwohl sie über 70 Jahre zurückliegt.

Erst jetzt habe ich einmal darüber nachgedacht, woher der Name Forsmann eigentlich kommt. Herr Forsmann war Architekt und hat z.B. das Johanneum und die Hamburger Börse gebaut. Darum nennt man das ganze Viertel das Architekten-Viertel. Das behauptet jedenfalls mein Computer.

Computer – die gab es damals übrigens auch noch nicht. Es gab nicht nur keine Computer, nein, es gab auch kein Fernsehen, keine Handys und keine Video-Rekorder. Aber es gab U-Bahnen, Straßenbahnen , Telefone und Radios.

Ja, und dann gab es auch noch Schulen und in den Schulen gab es noch was mit dem Rohrstock. Das ist heute nicht mehr vorstellbar. Aber wenn ein Schüler etwas ausgefressen hatte, mußte er den Rohrstock persönlich beim Schulleiter, Herrn Stohlmann, abholen unds der Klassenlehrer zog dann die Hosen stramm.

Als dann 1939 der Krieg begann, hatte niemand eine Vorstellung davon, was Krieg eigentlich bedeutet. Es gab Luftschutzübungen bei uns auf dem Schulhof. Wir lernten das Löschen von erbeuteten englischen Brandbomben und die Lebensmittel wurden rationiert.

Der Schulunterricht wurde immer unregelmäßiger und viele Stunden vielen aus. Die Lehrer wurden zur Wehrmacht eingezogen und ältere Lehrer, die schon lange im Ruhestand waren, wurden neu eingestellt.

Manchmal hatte die Schule keine Kohlen mehr und es konnte nicht geheizt werden. Es gab in zunehmendem Maße Bobenangriffe und manchmal haben wir mit einigern Schülern und unserem Lehrer bei uns im Wohnzimmer auf freiwilliger Basis ausgefallene Stunden nachgeholt. Jeder Teilnehmer mußte ein Brikett mitbringen, damit meine Mutter heizen konnte.

Inzwischen waren wir zum „Oberbau“ aufgerückt. Eigentlich hieß es „Oberschule mit Aufbauzug“. Ziel unserer Bemühungen war die mittlere Reife. Unser Klassenlehrer war Herr Simon. Er litt an Spinaler Kinderlähmung und war dadurch körperlich behindert. Aber in seinem Kopf funktionierte es dafür um so besser. Er stand dem damaligen System kritisch gegenüber. Das konnte er damals natürlich nicht offen sagen. Er wurde dem gerecht, indem er es in auffälliger Weise über alle Maßen lobte.

Das Arbeitsamt war damals in der Innenstadt in der Strasse Raboisen No. 8. Hatte ein Schüler eine Arbeit richtig verhauen, so ging Herr Simon darauf nicht weiter ein. Seine Kritik bestand darin, dass er nur sagte:“Raboisen 8.“ Damit brachte er zum Ausdruck, dass der betreffende Schüler besser arbeiten ginge.

In der Blumenstrasse war die Ausgabestelle für die Lebensmittelkarten. Eines Tages mußte ich mich dort melden, um ebenfalls Lebensmittelkarten dort auszugeben. Auf den Lebensmittelkarten stand zum Beispiel ein Ei oder 125 Gramm Marmelade. Diese Lebensmittel konnte man jedoch nicht sofort kaufen, sondern man musste oft warten, bis sie im Radio aufgerufen wurden. Die Organisation klappte aber recht gut und was aufgerufen wurde, war auch zu kaufen. Wirklich gehungert haben wir erst nach dem Kriege.

Eine Geschichte möchte ich euch nicht vorenthalten, da sie wirklich passierte und ganz lustig ist. Mein Vater fuhr bei der Post einen gelben Elektrowagen für die Paketpost. In Lübeck war das Postamt zerbombt und die Stadt Hamburg sollte ein Postauto an Lübek abgeben und mein Vater sollte das Postauto hinbringen. Natürlich bin ich gerne mitgefahren.

Diese Wagen wurden mit einer großen Batterie angetrieben. Sie wog eine Tonne, also 20 Zentner, aber reichte höchstens für 45 Kilometer Fahrstrecke. Kurz vor Lübeck gab die Batterie an einer Steigung ihren Geist auf.

Wir standen jetzt still auf der ersten, schönen, neugebauten deutschen Aurtobahn und haben uns gefragt, was zu tun sei. Auf dem Dach des Wagens lag mein Fahrrad und so bin ich auf der Autobahn nach Lübeck gefahren.

Dort erhielt ich einen Kutscher und zwei Pferde und es war ein Riesengaudi, als wir mit dem Postauto in Schlepp in Lübeck einzogen.

Im gleichen Jahr, es war wohl 1942, fuhren wir mit unserem Lehrer in die Kinderlandverschickung nach Ungarn. Man wollte die Schulkinder nicht ständig den Luftangriffen aussetzen. Wir kamen in ein Dorf mit ausschließlich volksdeutschen Einwohnern und wurden auf die verschiedenen Familien aufgeteilt. Wir waren ausgesprochen begeistert und am besten gefiel uns, dass vom Krieg nichts zu spüren war. Es gab auch noch alles zu Essen und wir hatten sogar die Möglichkeit zu Reiten. Leider war es nach 8 Monaten vorbei und zu Hause begann wieder der Ernst des Lebens.

Am 05. Januar 1944 wurden die Oberschüler des Jahrganges 1928 zur Flak eingezogen. Wir waren damals 15 ½ Jahre alt und es wurde sehr viel von uns verlangt. Durch die Einberufung der Luftwaffe wollte man reguläre Soldaten für die Front freibekommen. Eigentlich sollten wir auch Schulunterricht bekommen und deshalb ist unser Lehrer auch in jede Stellung mitgereist.

Er wohnte jeweils im nächstgelegenen Dorf und kam morgens in unsere Stellung, um uns zu unterrichten. Da wir ständig Alarm hatten und uns jede Nacht um die Ohren schlagen mussten, wurde nichts aus dem Unterricht. Wir waren ständig übermüdet und unser Lehrer konnte daher auch nicht unterrichten. So fuhr Herr Jost unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Das hatte aber auch sein Gutes!!! Man entschloss sich dazu, uns die Mittlere Reife zu schenken.

Aber diese Geschichte erzähle ich Euch, wenn mal wieder Jubiläum ist.

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